Selbst nach Monaten in der Schwerelosigkeit bleibt das menschliche Gehirn von der Erdanziehung „heimgesucht“. Eine neue Studie zeigt, dass Astronauten im All konsequent zu fest zugreifen, weil ihr Gehirn noch immer die Schwerkraft erwartet. Die Forschung, deren Koordination und Analyse fast 20 Jahre dauerte, beweist, dass unser internes „Gravitationsmodell“ so tief verankert ist, dass es Monate braucht, um zu verblassen, und Wochen, um sich bei der Rückkehr zur Erde neu zu kalibrieren.
Die 20-jährige Studie
Philippe Lefèvre und Kollegen der Université catholique de Louvain und von Ikerbasque veröffentlichten ihre Ergebnisse im Journal of Neuroscience. Über zwei Jahrzehnte arbeiteten sie mit Raumfahrtagenturen zusammen, um Astronauten während Missionen zur Internationalen Raumstation mit Greifsensoren auszustatten. Die Stichprobe umfasste mehrere Astronauten, wobei die genaue Zahl aus logistischen Gründen nicht bekannt gegeben wurde.
Das wichtigste Ergebnis: Wenn Astronauten Objekte im All bewegten, übten sie mehr Greifkraft als nötig aus. Diese Überkompensation trat auf, weil das interne Modell des Gehirns vorhersagte, dass die Erdanziehung das Objekt nach unten ziehen würde – selbst wenn sie fehlt. Das Gehirn schaltet beim Eintritt ins All nicht um; stattdessen passt es sich langsam über mehrere Monate an. Ähnlich griffen Astronauten bei der Rückkehr zur Erde zunächst zu schwach oder schätzten Kräfte falsch ein, bis ihr Gehirn die 1g-Bedingungen neu erlernte.
Lefèvre betonte die extreme Schwierigkeit dieser Forschung, die jahrzehntelange Koordination erforderte, um sicherzustellen, dass die Sensoren die Reise überstanden und Daten zuverlässig gesammelt wurden. Die Arbeit deutet darauf hin, dass die Greifkraft nicht nur eine mechanische Reaktion ist, sondern eine vorausschauende Strategie, die auf der Einschätzung des Gehirns zum Fallrisiko basiert.
Warum das für Ihr Gehirn wichtig ist
Diese Forschung offenbart ein grundlegendes Prinzip: Ihr Gehirn verlässt sich auf langfristige Vorhersagen, die auf lebenslanger Erfahrung beruhen. Selbst wenn sich die Umgebung drastisch ändert, bleiben diese Vorhersagen bestehen. Für alle, die sich für Kognition interessieren, zeigt dies, dass Lernen nicht augenblicklich geschieht – es erfordert wiederholte Erfahrung und Rückmeldung. Ihr Gehirn modelliert ständig die Welt, und diese Modelle sind langsam in der Aktualisierung. Dies erklärt, warum Gewohnheiten schwer zu durchbrechen sind und warum neue Fähigkeiten Übung erfordern.
Was Sie tun können
Um Ihrem Gehirn zu helfen, sich schneller an neue Situationen anzupassen – sei es beim Erlernen einer neuen Sprache oder bei der Umstellung auf eine andere Routine – üben Sie bewusst in verschiedenen Kontexten. Geben Sie Ihrem Gehirn konsistentes, klares Feedback. Wenn Sie zum Beispiel Jonglieren lernen, üben Sie bei unterschiedlichem Licht oder auf verschiedenen Untergründen. Diese Abwechslung zwingt Ihr Gehirn, sein internes Modell effizienter zu aktualisieren.
Quelle: Neuroscience News
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