Der Sammelbegriff "Autismus-Spektrum-Störung" (ASD) könnte so breit geworden sein, dass er seine Nützlichkeit verliert, argumentiert ein neues Editorial von Professorin Dame Uta Frith vom University College London. Der Artikel, veröffentlicht in Psychological Medicine, legt nahe, dass das derzeitige einzelne Spektrum grundlegende Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Individuen verschleiert, was zu potenziellen Überdiagnosen und falsch ausgerichteter Versorgung führt.
Die Forschung
Professorin Frith, eine Pionierin der Autismusforschung seit den 1960er Jahren, weist auf einen dramatischen Anstieg der Diagnosen hin: In Großbritannien ist die Autismusprävalenz bei Schulkindern von etwa 4 von 10.000 in den 1960er Jahren auf 1 von 57 heute gestiegen – ein Anstieg um mehr als das 40-fache. Sie identifiziert mehrere gesellschaftliche Treiber für diesen Anstieg, darunter größeres Bewusstsein, reduziertes Stigma, breitere Interpretation diagnostischer Kriterien, Einfluss sozialer Medien, Online-Selbstdiagnosen und eine kulturelle Tendenz, alltägliche Lebensprobleme zu medikalisieren.
Das Editorial hebt eine wichtige klinische Kluft hervor: Früh diagnostizierte Kinder haben oft schwere Sprach- und Lernverzögerungen, während spät diagnostizierte Jugendliche und Erwachsene typischerweise durchschnittliche oder hohe Intelligenz aufweisen und häufig unter Angstzuständen, Depressionen oder ADHS leiden. Neue Erkenntnisse zeigen unterschiedliche genetische und klinische Profile zwischen diesen Gruppen, dennoch werden sie unter einer Diagnose zusammengefasst.
Da es keinen objektiven biologischen Test für Autismus gibt, stützt sich die Diagnose stark auf Verhaltensbeobachtung und Selbstberichte, was die Grenzen weiter ausdehnt. Frith plädiert dafür, das Spektrum in klarere, bedarfsorientierte Untergruppen aufzuteilen, um sicherzustellen, dass Einzelpersonen gezielte Interventionen und Unterstützung erhalten.
Warum es wichtig ist
Für jeden, der sich für Kognition interessiert, unterstreicht diese Forschung die Komplexität psychischer Gesundheitsdiagnosen. Zu breite Kategorien können zu Verwirrung, Fehldiagnosen und unangemessenen Behandlungen führen. Die Nuancen von Autismus – und damit auch anderer kognitiver Zustände – zu verstehen, hilft Ihnen, die Vielfalt menschlicher Gehirne und die Bedeutung präziser Beurteilung zu schätzen.
Was Sie tun können
Wenn Sie kognitive Unterschiede bei sich selbst oder einem Angehörigen vermuten, suchen Sie eine umfassende Bewertung durch qualifizierte Fachkräfte auf, anstatt sich auf Selbstdiagnosen zu verlassen. Bleiben Sie über sich entwickelnde diagnostische Kriterien informiert, und denken Sie daran, dass kognitive Profile hochindividuell sind. Für eine allgemeine Überprüfung Ihrer eigenen Denkfähigkeiten erwägen Sie einen validierten kognitiven Test.
Quelle: Neuroscience News
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